Das Bild zeigt den Texter Stefan Thönes aus dem Saarland

Das Erdbeermärchen

von Stefan Thönes - alle Rechte vorbehalten.

Das Leben auf dem Land hat Vor- und Nachteile. Der Weg morgens zur Arbeit ist länger, dafür ist es abends beim Feierabendbierchen auf der Terrasse deutlich ruhiger, als in der Stadt. Kein Verkehr, keine Autos, kein Lärm und kein Smog.

 

Zu den meisten Häuschen in diesen schönen Örtchen am Arsch der Welt gehört ein ordentliches Stück Land, das hinter dem Anwesen in schier unermessliche Weiten zu laufen scheint. Doch was macht man letztendlich mit dem ganzen Boden? Diese Frage stellt sich der ein oder andere Städter, der aufs Land gezogen ist spätestens dann, wenn am Haus soweit alles fertig ist. Man könnte jetzt einfach alle Fünfe gerade sein lassen und sich freuen, dass die Plackerei endlich ein Ende hat – aber so ticken die meisten von uns eben nicht. Neue Aufgaben müssen her. Jetzt geht’s nicht mehr um das Haus, sondern „ums Haus herum“. An diesem Punkt hatte meine Frau die Planung komplett übernommen, was mir nur Recht war. Gartenarbeit war noch nie mein Ding gewesen. Und wer plant, führt meistens auch aus. Sehr praktisch.

 

Langsam veränderte sich der Strich Landschaft hinter unserem Haus in ein strukturiertes Bild aus Nutz- und Ziergarten. Vor einigen schweren Arbeiten konnte ich mich aber doch nicht drücken: Erdbewegungen. Klasse Sache. Wenigstens schläft man an den betreffenden Abenden wie ein Murmeltier. Wenn die Schmerzen im Rücken nach einer halben Stunde langsam wieder abklingen, weil die Muskeln endlich entspannen. Nachdem nun endlich alles angelegt war, stellte sich uns die Frage, was denn in die diversen Nutzbeete sollte. Wir haben uns damals als Versuchsobjekt für Erdbeeren entschieden. Meine bessere Hälfte hatte anfangs zehn Setzlinge in das erste Beet reingeschraubt. Okay. Danke für die Verbesserung. Es heißt „gesetzt“. Sie hatte damals also zehn zarte Erdbeerpflänzchen „gesetzt“.

 

Verwunderlicherweise hatten diese harmlos aussehenden Gewächse nach einem halben Jahr das erste Beet in einer Länge von zehn Metern für sich eingenommen. Wow. Erdbeeren verstehen etwas von aggressiver Expansion. Viel trugen die Pflanzen noch nicht, aber die Früchte waren durchaus lecker. Und aus dem eigenen Garten. Aber hallo. Ein Erlebnis für uns Stadtkinder.

 

Im Herbst machte sich dann meine Frau daran, besonders schöne und gute Pflanzen von den strohigen, gammligen Pflanzen zu trennen. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Das Kröpfchen war in unserem Fall der Komposthaufen. Trotz der Selektion nahmen die Erdbeerstauden inzwischen eine Beetlänger von gut 25 Metern ein, weil sie jetzt mit dem nötigen Abstand gesetzt waren. Dazu wurden die Erdbeeren „gemulcht“, was auch immer mulchen sein mag, und unter die Stauden zum richtigen Zeitpunkt Stroh gelegt. Die Arbeit meiner Frau wurde im folgenden Frühsommer belohnt: So viele Erdbeeren in einem Beet hatte ich vorher im Leben noch nie gesehen. Als die ersten Früchte reif waren, trugen wir schon am ersten Abend zwei Eimer voller Erdbeeren ins Haus. Wir waren stolz wie spanische Erdbeerbauern. Unsere Nachbarn, alteingesessene Dorfbewohner, äugten neugierig über den Zaun und lobten uns beim Probieren für die tollen Früchte.

 

Nach fünf aufeinanderfolgenden Tagen Erdbeerkuchen, Vanilleeis mit frischen Erdbeeren und Erdbeeren pur fragten wir uns allerdings, was wir mit den ganzen Früchten anfangen sollten. Schließlich standen meine Frau und ich abends nach der Arbeit noch bis in die Nacht in der Küche, um Erdbeermarmelade zu kochen und Erdbeerfruchtaufstrich zu produzieren. Erdbeerfruchtaufstrich ist übrigens fast das gleiche wie Erdbeermarmelade. Nur ohne Kochen und deshalb leckerer aber kürzer haltbar.

 

So langsam ging mir auf, dass das tolle Landleben vor allem mit einem Haufen zusätzlicher Arbeit verbunden ist. Von wegen Idylle im Grünen. Allmorgentliche dumme Anspielungen  im Büro, was man in der Nacht denn so getrieben hätte, begann ich nett lächelnd mit dem Überreichen eines Glases Erdbeermarmelade zu beantworten. Das hatte schon etwas. Vor allem, weil nach ein paar Tagen immer mehr Kollegen fragten, ob sie auch von der leckeren Marmelade haben könnten. Egal, wen wir mit unseren Erdbeeren beschenkten, alle fanden sie, dass sie noch nie so leckere Erdbeeren gegessen hätten. Im Ort tuschelte man schon über uns, man fragte sich, woher wir diese Superpflanzen hätten. Wir waren froh drüber. Denn alle Verwandten und Bekannten waren inzwischen doppelt und dreifach eingedeckt mit frischen Erdbeeren und Erdbeermarmelade. Auch die lieben Kollegen waren bald allesamt versorgt. Es hörte einfach nicht auf. Jeden Abend waren neue Früchte reif, die Pflanzen hingen voll und man konnte die Erdbeeren ja nicht einfach wegwerfen. Ich begann so langsam, Probleme der EU-Agrarpolitik zu verstehen und was zuviel Ertrag bedeutet...

 

Durch unser inzwischen allabendliches Erdbeerpflück- und Einkochritual wuchs in Keller und Garage ein beachtlicher Vorrat an Erdbeermarmelade heran. Da in unserer Nachbarschaft scheinbar ein Schädling die Erdbeerstauden vernichtet hatte, waren auch diese dankbare Abnehmer der Früchte unserer Gartenarbeit. Bis irgendwann unsere Nachfragen, ob man noch Erdbeeren wolle, auch von den Nachbarn dankend abgelehnt wurden. Ratsuchend wandten wir uns an unseren Ortsvorsteher, der, als wir ihm den dritten Erdbeerkorb in dieser Woche anboten, freundlich abwinkte. Seine Mimik verriet jedoch: Nicht schon wieder Erdbeeren. Überraschend meinte er allerdings, dass wir etwas für den Ort tun könnten und dass wir damit unseren ortsinternen Status ordentlich aufbessern würden. So, so.

 

Der Ortsvorsteher, dessen wahre Funktion und Legitimation ich bis heute noch nicht so ganz verstanden habe, weihte uns in ein Geheimnis ein: Seit vielen Jahren gäbe es einen Wettstreit zwischen unserer Wahlheimat und dem Nachbarort. Hier hätte es noch kein Erdbeerbauer hinbekommen, richtig erstklassige Erdbeeren zu züchten. Unsere Früchte wären etwas besonderes und hätten richtiges Potenzial. Wahnsinn. So etwas konte sich doch kein Mensch ausdenken. Schon irre, mit was man sich hier so die Zeit vertrieb. Letztendlich überzeugte uns der Ortsvorsteher, einen Marktstand im Namen des Ortes mit unseren Erdbeeren beim nächsten großen Wochenmarkt aufzubauen. Die Gemeinde verdiente mit 25 % mit, aber das war uns egal. Ich wollte endlich wieder mein Auto in der Garage haben und keine Erdbeerkisten mit Früchten, die dringend weg mussten.

 

Am folgenden Wochenende standen wir also nach einer anstrengenden Arbeits- und Erdbeerpflückwoche am Marktstand. Als Marketing-Gag hatte ich ein Schild gemalt: „Mit Opas Geheimrezept veredelte Stauden“. Das wirkte. Die Früchte waren ja wirklich lecker, aber mit diesem Spruch kam die Einbildung dazu. Nach drei Stunden, hatten wir alle Erdbeeren

verkauft. Und richtig Geld in der Tasche. Mir begann die Sache Spaß zu machen.

 

Was soll ich sagen: Im folgenden Herbst selektierten meine Frau und ich zusammen. Aus 25 wurden 75 Meter Erdbeerbeet. Noch hatten wir Platz im Garten. Die Pflanzen belohnten uns im folgenden Jahr, es war wunderbar sonnig, mit einem noch besseren Geschmack. Wir hatten soviel Ertrag, dass wir inzwischen auch die Supermärkte der nächsten beiden Orte und den Wochenmarkt mit frischen Erdbeeren belieferten. In diesem Sommer beschäftigten wir unsere ersten Pflücker – damals noch Studenten. Der Erfolg war riesig. Die Story mit den veredelten Superpflanzen hatte  jeder geschluckt und sie sprach sich herum. Auch im Nachbarort wurde man wegen des Erdbeerwettbewerbs nervös.

 

Komisch waren inzwischen die immer häufiger anfragenden Nachbarn, die Setzlinge von unseren Superpflanzen haben wollten. Zwei besonders schlaue, die sich einfach bedienen wollten, wurden von unseren treuen Rottweilern erfolgreich vertrieben. Dennoch wuchs uns die Sache als Hobby über den Kopf. Wir entschlossen uns zu Nägeln mit Köpfen: Meine Frau kündigte ihren Job und wir kauften das unbebaute Nachbargrundstück. Daraus wurde ein hundertprozentiges Erdbeerbeet inklusive Gewächshaus. Chefin der neuen Firma: Meine Frau. Dadurch konnten wir eine Doppel-Erntestrategie fahren. Der Erfolg ließ nicht auf sich warten.

 

Im Ort nennt man uns inzwischen nur noch „die Erdbeerbarone“. Der Name des Nachbarorts ist in Zusammenhang mit Erdbeeranbau völlig verblasst. Letzte Woche hat sich meine bessere Hälfte von einem Bruchteil des Gewinns nach Steuern einen Porsche gekauft – in Erdbeerrot.

 

Irgendwie hat sich mir die Frage noch nie gestellt, bis jetzt. Also frage ich meine Frau:

 

„Du, Schatz, woher hattest Du damals eigentlich die ersten zehn Erdbeerpflanzen?“

 

Darauf antwortet meine Gattin mit einem Grinsen:

 

„Die waren von Aldi.“

 

Ich liebe diesen Laden. Und natürlich meine Frau.

 

 

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