Das Bild zeigt den Texter Stefan Thönes aus dem Saarland

Der Spezialauftrag

von Stefan Thönes - alle Rechte vorbehalten.

Ich soll ins Büro vom Chef kommen. Wieder einmal. Shit. Meistens endet das in viel zusätzlicher Arbeit für das gleiche Geld.

 

Mein Chef empfängt mich mit einem allzu freundlichen Blick. Da ist wieder mal was im Busch. Ahaaa. Er braucht meine Hilfe. Was für eine Überraschung.

 

Erstaunt folge ich den Ausführungen meines Chefs. Ich bekomme den Spezialauftrag einzig und alleine aus dem Grund, weil ich ja - an dieser Stelle zitiere ich - "so diskret und zuverlässig" bin.

 

Das wird ja mal wieder ein schöner Scheiß sein, denke ich mir. Und ich überlege, ob ich mir die Sache mit dem "diskret und zuverlässig" in Form eines Zwischenzeugnisses schriftlich geben lassen sollte.

 

Doch schon rückt mein Chef mit der Sprache raus. Jetzt bloß nicht das Pokerface fallen lassen... neeeee, ne? Doch. Der Hammer.

 

Ich muss gerade aussehen, wie eine Kuh, wenn's donnert.

 

Ein „kleiner Privatauftrag". Unglaublich.

 

Ach ja, stimmt, nicke ich nur. Ihre Frau, neeeein, nicht wirklich, wird schon 40? Toll. Hätte ich ihr gar nicht gegeben. Okay, nicht schleimen. Der Geburtstag ist schon morgen? Mhm.

 

Ach so, ja, ich werde natürlich ein passendes Geschenk finden. Wie? Eine Digitalkamera? Gut. Wie? Klein, handlich, idiotensicher. Okay.

 

Oooopsi, das sollte mal besser seine Frau nicht hören, denke ich mir da. Kann man jemandem mit so etwas erpressen? Und wie viel ist das wert? Ich denke an die ansehnliche Waffensammlung meines Chefs  und verwerfe den Gedanken ganz schnell wieder.

 

Einpacken? Ja klar. Aber nicht selbst. Jep. Heiße ja nicht Christo.

 

Ein fester Händruck unter Männern zum Abschied. Jaaaaa sicher - finde ich auch. Wir Männer müssen eben zusammenhalten und so. Geht klar Chef.

 

Tatsächlich finde ich eine passende Kamera in einem bekannten Konsumtempel.Ich lege natürlich vor. Und es gelingt mir tatsächlich, die Besitzerin eines

Geschenkeartikel-Ladens für ein Trinkgeld zum kunstvollen Verpacken der Kamera zu überreden.

 

Mein Handy klingelt. Neue Anweisung: Doch keine Kamera, die schenkt die Familie schon. Jetzt soll es ein überdimensionaler Blumenstrauß sein, aber ganz ausgefallen. Ha. Ha.

 

Shit, shit, shit! Also Kommando zurück, die Verpackungs-Tussie behält natürlich ihr Trinkgeld. Das Einkaufsmekka erweist sich als Umtausch-Hölle. Nach zwei Stunden und einem Gespräch mit dem Marktleiter, über den ich mich auch bei der Firmenzentrale beschweren werde, ist die Sache mit der Kamera jedenfalls abgeschlossen.

 

Der Blumenladen hat inzwischen zu. War nur bis 18 Uhr geöffnet. Ach ja. Feierabend. Hm. Ein weiteres Gespräch mit meinem Chef per Handy führt zur Geschenkidee Nummer drei:

Einer Gucci-Handtasche. Ich werde noch wahnsinnig, denke ich mir, als ich eine Eingebung habe: Schnurstracks spreche ich die am besten gekleidetste und attraktivste Frau an, die mir als nächstes über den Weg läuft. Mit meinem nettesten Lächeln erzähle ich die Story von dem Geschenk für die Frau vom Chef und dass ich jetzt eine "klasse Gucci-Handtasche" suche und keine Ahnung habe, woher ich die in dieser Stadt bekommen soll. Ob sie mir wohl helfen wird?

 

Die junge Frau, die wahrscheinlich sogar modelt, wenn ich mir sie so ansehe, erklärt mir geradeheraus, dass dies wohl die unglaubwürdigste und bescheuertste Anmache ist, die sie je gehört hat. Ach ja, sie hat einen Freund, der sehr eifersüchtig ist, und den zweiten Dahn im Karate hat und dieses Jahr bei der Europa-Meisterschaft antritt. Mehr muss ich nicht wissen.

 

Nächste Idee. Ich versuche dann, mich möglichst ohne Umschweife und ganz nüchtern zu verabschieden, als gerade so ein Türsteher-Typ um die Ecke wuselt und argwöhnisch abzuchecken scheint, was ich da wohl bei seinem Herzblatt mache.

 

Scheiße. Ich bekräftige im Umdrehen auf der Flucht noch einmal, dass es echt keine Anmache war, doch der Typ hört nur das Wort Anmache und hechtet in meine Richtung los. Gott sei Dank kenne ich mich hier drin ein bisschen aus und bin offensichtlich viel schneller als Mister "Du kommst hier nicht rein".

 

Schnell um ein paar Ecken gebogen, dann im Herrenklo in die hinterste Kabine geflüchtet auf die Kloschüssel gestellt, damit man die Füße auch nicht sieht. Attraktive Models machen immer Ärger. Müsste ich inzwischen eigentlich wissen.

 

Auf dem Flur höre ich jemanden schreien "Isch kriesch Disch, verlass Disch drauf!!!"

Das hörst sich für mich eher an nach "ich habe keinen Bock, oder auch keine Puste mehr, um dich weiter zu verfolgen". Also noch kurz warten, das könnte gut ausgehen. Nach einer halben Stunde traue ich mich wieder aus dem Klo. Auf dem Gang vor dem Stillen Örtchen unterhalten sich gerade zwei furchteinflösend bodygebuildete Wachleute des Sicherheitsdienstes über irgendeinen Schläger, dem sie mal zeigen mussten, wo es lang geht. Hm, hat wahrscheinlich nix mit mir zu tun...

 

Schließlich wähle ich den einfacherern Weg und fahre zur Boutique der Stadt. Dort frage ich die erstbeste Verkäuferin. So macht man das. Uiuiuiuiui. Ob da das Limit meiner EC-Karte reicht? Die Verkäuferin splittet den Betrag dann auf Kredit- und EC-Karte, das geht.

 

Voller Begeisterung rufe ich meinen Chef an. Als er den Kaufpreis erfährt, stellt er in Frage, dass mir meine Kompetenzen klar sind und ob ich öfters im Dienst Alkohol oder sonstige Drogen zu mir nehmen würde. Ich solle das mal schön wieder in Ordnung bringen.

 

"Umtausch ausgeschlossen". Mehr sagt die Verkäuferin der Edel-Boutique nicht mehr und macht den Laden für heute dicht.

 

Nachdem sich mein Chef etwas beruhigt hat, meldet er sich wieder und ist schließlich mit dem Kaufpreis einverstanden. Ist ja auch der 40. Geburtstag seiner Göttergattin. Ufff.

 

Mein Chef ist inzwischen auf einem "wichtigen Termin", deshalb fahre ich die Tasche selbstverständlich noch bei ihm zu Hause vorbei und hinterlege sie im Gartenhäuschen, wie vereinbart.

 

Spezialauftrag eben.

 

Am nächsten morgen sehe ich in seinem Outlook-Kalender, den er mir wegen meiner diversen Sepzialaufgaben freigeschaltet hat, dass bei dem "wichtigen Termin" als Veranstaltungsort “Golfplatz” eingetragen war. Nicht fragen. Nur staunen.

 

 

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