Das Bild zeigt den Texter Stefan Thönes aus dem Saarland

Die Kröte (die Gute-Nacht-Geschichte mit Kafka-Touch)

von Stefan Thönes - alle Rechte vorbehalten.

Was würden Sie tun?

 

Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach einem langen und anstrengendem Tag nach Hause. Ihr Chef hat genervt, die Kunden waren auch irgendwie komisch und Sie wollen eigentlich nur noch unter die Dusche. Mit Ihrem Auto fahren Sie die Einfahrt hoch und sind in Gedanken schon drei Schritte weiter.

 

An diesem Punkt werden Sie nun mit einem ungeahnten Hindernis konfrontiert: Im Scheinwerferlicht Ihres Autos erkennen Sie einen ziemlich großen Gegenstand auf dem Boden, direkt vor dem Garagentor. Lieber nicht drüberfahren. Genervt steigen Sie aus und betrachten sich das Hindernis etwas genauer. Eine dicke, fette Kröte sitzt da und glotzt unbeeindruckt zu Ihnen zurück. Sie glauben zu träumen, reiben sich die Augen. Immer noch da, die Kröte. Und fett ist sie. Bestimmt einen Kilo schwer.

 

War ja eine prima Idee, direkt neben das Naturschutzgebiet zu ziehen. Jaha. Ganz toll. Und wie der Makler geschwärmt hat. Alles grün hier und die Ruhe. Oh ja. Und die Marder, die tausend Vögel, die morgens ab Sonnenaufgang voll aufdrehen, das gerade weiß verputze Haus vollsch....,  die Maulwürfe, die Stechmücken und jetzt auch noch Kröten. Verdammt. Sie sind eben doch ein Stadtkind. Ob sie wohl tot ist?

 

Sie machen vorsichtig das Garagentor auf und holen... ja was? Zunächst einmal einen Besen. Ganz vorsichtig stupsen Sie die Kröte an. Unbeeindruckt zieht sie ein Bein zurück, blinzelt einmal, rührt sich aber nicht von der Stelle. Sie lebt also noch, das wäre jetzt geklärt. Der Rollladen Ihres Nachbarn geht hoch. Verdammt. Der Dreikäsehoch von Sohn des werten Nachbarn. Er ist natürlich stolzes Mitglied des örtlichen Naturschutzvereins. Also können Sie Gewalt gegen diese Sitzblockade schon einmal ausschließen.

 

Sie winken einmal nett in Richtung des Fensters, hinter dem sich der Nachbarsjunge rumdrückt und der Sie von nun an beobachten wird, bis Sie das Auto in der Garage haben und die Kröte in Sicherheit ist. Den Besen in der Hand stupsen Sie noch einmal, diesmal etwas fester. Der Spross von nebenan, Biologie studiert er glaub’ ich auch noch, klopft an sein Fenster und bedeutet Ihnen mit einer Geste, bei der er seine gespreizten Finger von seinen Augen in Ihre Richtung führt, dass er Sie genau im Blick hat. So ein kleiner Wichtigtuer. Scheiß Kröte. Scheiß Naturschützer.

 

Nächster Plan: Sie holen sich eine Kehrschaufel und versuchen das Vieh mit einem Handfeger auf die Kehrschaufel zu bugsieren. Dabei haben Sie Bedenken, dass El Monstro-Kröto in die geöffnete Garage springen könnte. Die können ja große Sätze machen. Oder? Tatsächlich rührt sich das Tier keinen Millimeter. Unbeeindruckt glotzt es Sie an, zwinkert höchstens einmal mehr in Ihre Richtung.

 

Jetzt kommt Ihnen der rettende Einfall. Was macht die Polizei mit Demonstranten und Sitzblockieren? Wegtragen, wenn die Kameras laufen und mit dem Wasserwerfer drauf, wenn vorher die Presse vom Ort des Geschehens verbannt wird. Der Gartenschlauch ist ganz in der Nähe. So. Ha! Jetzt wird’s ernst, Kröte! Da kann auch unser lieber Naturschutz-Nachbar nix sagen. Wasser macht dir ja nix. He, he.

 

Sie nehmen den Gartenschlauch in die Hand, drehen das Wasser auf und beginnen mit einem sanften Sprühstrahl. Der Retter der Umwelt von nebenan schaut unschlüssig durch seine Scheibe, anscheinend kann man Ihnen aber noch keine Tierquälerei anlasten. Die Kröte beginnt sich zu bewegen, zieht ihre Beine näher zum Körper. Bingo. Oder? Noch hat sie sich nicht bewegt. Okay. Dann eben etwas mehr Wasser, Vollstrahl! Aber aus drei Metern Entfernung mit dem Pupsi-Druck... hahaaa! Jetzt kommt Bewegung in die Sache. Das Viech hoppelt weg von Ihnen und dem offensichtlich kühlen, nassen Wasser. Wäre ja auch gelacht. Mithilfe des Wasserstrahls geleiten Sie dem Bewohner des Naturschutzgebietes den Weg über die Straße zurück in sein Grün. Dort wo es hin gehört, und nicht vor meine Garage. Der Nachbar lässt auch seinen Rollladen wieder herunter, alles in Butter.

 

Oder?

 

Was ist, wenn es keine Kröte, sondern ein Frosch war? Eine verwunschene Prinzessin?! So genau kenne ich mich da ja nicht aus. Wird sie wiederkommen und ihre Brüder mitbringen, weil ich sie "gedisst" habe? Werden diese Brüder Baseballschläger oder lange Zungen haben, mit denen sie lässig Fliegen aus der Luft fangen?

 

Vielleicht war sie auch eine gute Fee? Ich hätte Wünsche frei gehabt. Im besten Fall sogar drei! Was hätte ich mir alles wünschen können: Einen tollen Job. Ein neues Auto. Haus. Ein Date mit Gisele Bündchen oder Adriana Lima... Wunsch ist ja schließlich Wunsch?! Vermutlich hätte ich die Kröte tatsächlich küssen sollen. Oder sprichwörtlich ...schlucken?!  Dank der Führungsetage meines Arbeitgebers habe ich darin ja genügend Übung.

 

Die merkwürdigen Gedanken erinnern mich daran, dass es jetzt definitiv Zeit für die Koje ist. Ich werde wohl von fetten Kröten träumen. Kröten, die sich in sexy Prinzessinnen oder Top-Models Ende Zwanzig verwandeln. Dann hätte die Sache doch noch etwas für sich.

 

Und dann tauchen ihre Prinzen-Brüder im Dreier-BMW auf und parken vor meinem Fenster. Sie werden mich von der Straße aus reglos mit sonnenbebrillten Augen anstarren. In regelmäßigen Abständen werden sie aussteigen, klingeln und mich an der Gegensprechanlage meiner Haustür fragen, ob mir ihre Schwester (denn nicht) gefällt. Und schnapp. Wieder wird einer von Ihnen dabei eine Fliege mit seiner langen Zunge lässig aus der Luft schnappen.

 

Stattdessen sitze ich hier und schreibe diese Geschichte. Schluss jetzt.

 

Gute Nacht! Schlafen Sie gut.



PS: Wenn Ihnen das hier gefallen hat, lesen Sie morgen "Die Verwandlung" von Kafka. Im Vergleich dürfte dieser Text auf Sie recht normal wirken. Am nächsten Tag saßen übrigens drei Kröten vor meinem Garagentor. Warum auch immer. Vermutlich mögen die frisches Leitungswasser. Gute Duschplätze scheinen sich unter Kröten schnell herumzusprechen.



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