Das Bild zeigt den Texter Stefan Thönes aus dem Saarland

Ich emotional? NIEMALS!

von Stefan Thönes - alle Rechte vorbehalten.

Heute morgen komme ich nichtsahnend zur Arbeit. Die gleichen netten Kollegen, der gleiche Chef. Die gleichen Kunden. Alles normal also. Fast.

 

Ein guter Kollege von mir kommt gleich um neun Uhr in mein Büro und erzählt mir die Hiobsbotschaft schlechthin. Ich fasse es nicht. Der Chef hat doch tatsächlich seine Zuckerschnecke von Assistentin rausgeschmissen. Dieser .... grummelbrummel. Jeder hier im Büro weiß es: Er hat es vor 4 Wochen auf unerklärliche Weise geschafft, sie ins Bett zu bekommen.

 

Und anscheinend hat sie das, was da zwischen den beiden passiert ist, nicht ganz so überzeugend gefunden. Zumindest waren im Flurfunk auf einmal hochinteressante Details zur Größe der Genitalien und der sexuellen Leistungsfähigkeit unseres Alphatierchens im Umlauf.

 

Wir haben uns alle köstlich amüsiert. Vor einer Woche dann hat irgendein Schleimer ihm die Sache gesteckt. Und schwups: Plötzlich wird die Frau gefeuert, die für uns Kollegen immer ein Augenzwinkern übrig hatte. Sie war der Grund für schlaflose Nächte vieler von uns. Das geht doch nicht. Den Blick meines Kollegen nach zu urteilen, schwankt er irgendwo zwischen Mordgedanken gegen den Chef oder sich selbst. Er schlurft davon.

 

Ich bleibe sprachlos.

 

Wenn ich nur an die letzte Weihnachtsfeier denke. Wie sie da mit fast jedem von uns eng umschlungen getanzt hat. So nett, verführerisch aber immer mit einer unnahbaren Distanz. Grandios. Und dann die Klamotten, die sie trägt: immer sexy-business, nie vulgär. Und wie sie morgens durchs Büro schlendert und jeden nett grüßt.

 

So jemand hält doch die Moral im Büro aufrecht. Jawohl! Den Spirit, den Flirtfaktor. Deshalb kommen wir überhaupt noch her! Das ist die Wahrheit. Sie zu feuern muss doch gegen irgendein Menschenrecht verstoßen!

 

Das lassen wir nicht auf uns sitzen. Dieses Machoarschloch mit seinem verletzten männlichen Stolz. Ha! Das Wort kennt der doch eigentlich gar nicht! Den mischen wir auf. Mhm. Am besten per E-Mail. Das ist etwas ganz törichtes, dummes aber perfekt um Luft abzulassen. Eine E-Mail schreiben, die man nie wegschickt:

 

„So, Sie riesengroßes, impotentes Arschloch!

 

Jetzt haben Sie den Bogen überspannt! Moderne, emanzipierte Männer können sich so ein Verhalten nicht gefallen lassen. Wir leisten Widerstand! Darauf können Sie Gift nehmen! Werden Sie noch merken. Das hier ist erst der Anfang. Wo denken Sie kleinkarierter, machtgeiler Aushilfscasanova eigentlich, dass Sie leben? Anfang des 20. Jahrhunderts vielleicht?

 

Sie können eine Muse für uns alle doch nicht einzig und alleine deshalb rausschmeißen, weil sie ihren mickrigen männlichen Stolz verletzt hat? Da sind Sie doch sonst nicht so kleinlich!!! Denken Sie mal letztes Jahr an die versprochene Gehaltserhöhung und Ihr „Ehrenwort“. Hah!

 

Das ist ganz klar ein Fall für die Frauenbeauftragte. Ich mach’ Dich fertig, Du Wicht!

 

Und was ich Dir schon immer sagen wollte: Deine Frau treibt es übrigens mit dem Müller aus der Revision! Hah! Jetzt guckst Du, Du schmieriger, abgewrackter pimmelfixierter Blockwart! Ja! Dass Du ein Nazi bist, wissen wir alle schon lange!!!

 

Hasserfüllte Grüße

Ihr Betriebsratsvorsitzender und langjähriger Feind“

 

Da geht es einem doch gleich besser. Jetzt nur vorsichtig zumachen und löschen, das Ding. Würde ich ja nie wegschicken. Bin ja nicht blöde.

 

Das Telefon klingelt.

 

Ich klemme den Hörer zwischen Ohr und Schulter und irgendwie komme ich auf „STRG“ und „Enter“.

 

Zack!

 

E-Mail verschickt.

 

Ich hasse Shortcuts. Wirklich. Ich hasse sie. Im Moment sogar noch mehr als meinen Chef.

 

Den Hörer lege ich einfach kommentarlos auf. Shit, shit, shit!!!

 

Was mache ich jetzt nur. Müller anrufen, sagen, er soll sich nach Hause trollen und verbarrikadieren. Betriebsratssitzung einberufen? Ins Büro vom Chef gewaltsam eindringen und den Computer hacken?

 

Gute Idee. Schnell wähle ich die Nummer seiner Assistentin. Sitzt jetzt ein Azubi für den Übergang. Die kleine Plaudertasche verrät mir, dass er den ganzen Tag außer Haus ist. So ein Feigling, denke ich mir. Aber umso besser. Über die Fähigkeiten einen Palm zu bedienen und E-Mails mobil abzurufen verfügt unser Relikt aus grauer Vorzeit nicht.

 

Glücklicherweise ist Freddy bei der IT ein guter Freund von mir. Das wird allerdings teuer.

 

Eine Flasche guten Whisky und zwei Bundesliga-Fußballkarten ärmer weiß ich, dass ich wieder einmal Schwein gehabt habe. Der gute Freddy hat alle Admin-Rechte in unserer Firma. Auch und insbesondere die für den Lotus Notes – Server. Er hat mir dann auch gezeigt, wie ich diese blöden Shortcuts an meinem Rechner deaktivieren kann. Es gibt doch einen Gott. Alles wird gut. Mal sehen, wen er als nächste Assistentin so einstellt. Der Geschmack unseres Chefs ist ja gar nicht so schlecht.

 

Und jetzt einmal ganz nüchtern betrachtet: Eine Kündigung, von der ich als Betriebsratsvorsitzender nichts weiß, ist nichtig. Jetzt wird es erst richtig lustig. Es ist an der Zeit für eine Betriebsratssitzung... ich liebe es, wenn mein Chef unkluge Schachzüge macht. Er ist einfach zu emotional. Und denkt mit der Hose.

 

Gut, dass mir das nie passieren könnte.

 

 

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